Vortragende

In alphabetischer Reihenfolge:

Prof. Dr. Markus A. Denzel

Österreichs Direkthandel mit Übersee (18. Jahrhundert bis 1914)

Der Beitrag analysiert den österreichischen Direkthandel mit außereuropäischen Ländern und Gebieten von der ökonomischen Inwertsetzung der österreichischen Adriaschiffahrt im zweiten Viertel des 18. Jahrhunderts bis zum österreichisch-ungarischen Ausgleich mit einem Ausblick in die Zeit bis vor dem Ersten Weltkrieg. Er geht dabei von der These aus, dass der nur mäßige Handelserfolg Österreichs in Übersee vor allem als eine Folge eines zu späten und nicht nachdrücklich genug verfolgten Industrialisierungsprozesses in der Donaumonarchie anzusehen ist, infolgedessen Österreich nicht in der Lage war, in hinreichender Menge und Qualität Industriewaren auf den außereuropäischen Märkten anbieten zu können und somit in der Regel kein attraktiver Handelspartner war. Im Mittelpunkt steht dabei der Handel über den wichtigsten Überseehafen der Monarchie, Triest, mit der Levante und Amerika sowie in bescheidenem Umfang Asien, für welchen umfangreiches statistisches Material zur Verfügung steht. Dessen Auswertung belegt aber auch, daß, auch wenn der Direkthandel mit Übersee im europäischen Vergleich eher von geringer Menge und Bedeutung war, er doch im 19. Jahrhundert für das Kaisertum Österreich von nicht zu unterschätzender qualitativer Relevanz war.

Zur Person:

geboren 1967, Studium der Geschichte und Historischen Theologie an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg (Stipendiat der Bayerischen Begabtenförderung). Inhaber des Lehrstuhls für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte / Historisches Seminar der Universität Leipzig, Gastprofessur an der Freien Universität Bozen (IT), Lehrauftrag im Rahmen des B.A. Studiengangs Philosophy & Economics, Universität Bayreuth

Dr. Jochen Gollhammer

Einwanderung aus Dalmatien und Böhmen nach Neuseeland im age of global migration – Ein Vergleich zweier Immigrantengruppen aus der Habsburgermonarchie

Neuseeland zählte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts neben den Vereinigten Staaten, Kanada und Australien zu den klassischen weißen Siedlerkolonien. Obwohl sich die Pakeha-Bevölkerung gerne als Better Britains und Britains of the South bezeichnete und eine Einwanderung für Nicht-Briten durch eine restriktive Einwanderungsgesetzgebung erschwert wurde, gelangten auch Immigranten aus der Habsburgermonarchie im sog. Zeitalter der globalen Migrationen nach Neuseeland, zahlenmäßig am stärksten aus Böhmen und Dalmatien. Beide Gruppen unterschieden sich jedoch deutlich voneinander.

Die böhmische Einwanderung ab den 1860er Jahren wurde hauptsächlich von Familien getragen und basierte auf dem System der Kettenwanderung. Die Integration in die neuseeländische Gesellschaft war bereits in der zweiten Generation abgeschlossen, was sich u.a. im Heiratsverhalten zeigte. Dem gegenüber steht die Immigration großteils männlicher Arbeitswanderer aus Dalmatien, die ab den 1890er Jahren eine signifikante Minderheit im Northland darstellten. Behördliche Willkür verzögerte hier die Integration und führte mitunter zu einer hohen Rückwanderungsrate.

Kontakt zu Māori hatten beide. Wie bei den meisten Begegnungen zwischen Europäern und Indigenen, blieben diese jedoch nicht konfliktfrei. So standen sich böhmische Milizionäre in den Landkriegen Stammeskriegern gegenüber und traten dalmatinische Arbeiter in Konkurrenz zu Māori auf den Harzfeldern. Nach und nach ist es aber auch hier zu einer Annäherung gekommen und einigen dalmatinischen Männern gelang gerade über die Heirat mit Māori-Frauen die Aufnahme in die neuseeländische Gesellschaft.

Zur Person:

Jochen Gollhammer ist externer Lehrbeauftragter an den Fachbereichen Geschichte und Politikwissenschaft an der Universität Salzburg und arbeitet als Mittelschullehrer in Freilassing (Deutschland). Seine Interessen liegen im Bereich der Historischen Migrationsforschung und Demographie des 19. und 20. Jahrhunderts mit regionalem Schwerpunkt Australien und Ozeanien. Jochen Gollhammer setzt sich in der universitären und schulischen Lehre verstärkt mit globalhistorischen Fragestellungen auseinander und versucht Studierende sowie Schüler/innen zum Denken in globalen und transkulturellen Zusammenhängen anzuregen.

Univ. Prof. Mag.a Dr. Marianne Klemun

Zwischen Sammeln und diskursiver Reflexion: „Österreichische“ Expeditionen und Naturforschung in Übersee

Die von Wien ausgehenden Expeditionen des 18. und frühen 19. Jahrhunderts nach Übersee waren auf den Transfer von exotischen Lebendpflanzen, Natur- und Kulturobjekten sowie Mineralien ausgerichtet, welche die Wiener höfischen Wissensorte (botanischer Garten in Schönbrunn, Menagerie sowie Naturaliensammlungen als Vorläufer der Museen) immens bereicherten.

Infolge der Sammelreisen wurde der Garten in Schönbrunn beispielsweise vorübergehend zu einem der bedeutendsten Zentren der kolonialen Botanik des ausgehenden 18. Jahrhunderts.  Vergleicht man die im Sinne ihres Zieles durchaus erfolgreichen Unternehmungen mit jenen Expeditionen, die von den anderen europäischen Mächten verwirklicht wurden, so läßt sich eine Konzentration auf die Erwerbung von Sammelgut unterschiedlichster Art feststellen. Mit dieser Tendenz hängt eine taxonomische, zunächst ausschließlich auf das Naturobjekt bezogene Publikationstätigkeit zusammen. Die Assymetrie zwischen reichhaltiger „Ausbeute“ und einer deutlich nachgereihten diskursiven publizistischen Verarbeitung der Reisewahrnehmungen wurde erst im Laufe des 19. Jahrhunderts zugunsten des letzteren aufgehoben. Diesen Wandel in seiner epistemischen und kulturellen sowie auch gesellschaftlichen Bedingtheit und Funktionalität zu reflektieren, ist Ziel des Beitrages. Noch im 19. Jahrhundert blieben die öffentliche Akzeptanz von Naturforschung und der Status von Reisenden weiterhin an ihre Tüchtigkeit als Sammler und die Anhäufung von den aus Übersee stammenden Objekten gebunden.  Welche kulturelle Rolle kommt dem Aspekt von „Reichhaltigkeit“ jenseits von repräsentativen Momenten zu? Jede Sammlung impliziert Aufschub, der potentiell koloniales Verfügungswissen bedingt. Ist darin ein Spezifikum der aus Wien in die Welt geschickten reisenden Naturforscher zu verorten?

Univ. Prof. Dr. Andrea Komlosy

Innere Peripherien als Ersatz für Kolonien in „Übersee“? Die Habsburgermonarchie als „Weltwirtschaft“ im Kleinen

Der Vortrag konzentriert sich nicht auf die Frage nach überseeischen Beziehungen der Habsburger-Monarchie, sondern auf die Prozesse der territorialen Erweiterungen und der regionalen Disparitäten innerhalb der Habsburger-Monarchie unter dem Aspekt kolonialer Beziehungen. Als Zeitrahmen dienen das 18. und 19. Jahrhundert.

Zur Person:

Geb. 1957 in Wien, Studium der Geschichte und der Politikwissenschaften an der Universität Wien sowie am Institut für Höhere Studien. Ao. Universitätsprofessorin am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien.

Lehre und Vortragstätigkeit an zahlreichen in- und ausländischen Universitäten, in der LehrerInnenfortbildung sowie in der Erwachsenenbildung.

Auslandsstudienaufenthalte in Brest, Paris, Honolulu.

Forschungsgebiete:

– Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Habsburgermonarchie und ihrer Nachfolgestaaten, 18. – 20. Jahrhundert

– Grenze, Migration und ungleiche Entwicklung regional, national, global

– Industriegeschichte, Arbeitswelt und Musealisierung

– Globalgeschichte: Curriculumentwicklung, Theorien und Methoden

– Textilgeschichte als globale Interaktionsgeschichte

PhDr. Lukaš Novotny und Prof. PhDr. Aleš Skřivan sr.

Zu den wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zwischen Österreich-Ungarn und Japan vor dem Ersten Weltkrieg

Zur Person:

Lukáš Novotný studierte auf der Philosophischen Fakultät der Karlsuniversität in Prag (Fach: Geschichte). Er wirkt auf der Philosophischen Fakultät der Westböhmischen Universität in Pilsen. Er beschäftigt sich mit der Problematik der deutschen Minderheit in der ersten Tschechoslowakischen Republik, mit der modernen Geschichte von Großbritannien und mit den politischen Beziehungen von Österreich-Ungarn und Japan in den Jahren 1900–1914. Er veröffentlichte viele Fachstudien.

Er ist der Exekutivredakteur von den Fachzeitschriften West Bohemian Historical Review (Pilsen-Hamburg) und Prague Papers on the History of International Relations (Prag-Wien) und das Mitglied des Redaktionsrats der Fachzeitschrift Historický obzor (in der Database ERIH).

Univ. Prof. Dr. Walter Sauer

Festvortrag: Forscher, Händler und Soldaten – Die Habsburgermonarchie im Kontext des europäischen Imperialismus

Die Rolle Österreich (-Ungarns) im Rahmen der europäischen Expansion in Übersee wird von der Forschung heute als marginal eingeschätzt. So manche Fragen bleiben dabei aber offen: Hatte das Engagement zahlreicher sog. Entdecker und Forscher wirklich nichts mit politischen Hintergrundstrategien Österreichs oder anderer europäischer Staaten zu tun? Welche Funktion nahm die Habsburgermonarchie im Rahmen multilateraler imperialistischer Aktivitäten – von Kolonialkongressen bis zu Militärinterventionen – ein? Waren die zahlreichen kolonialen Projekte und Initiativen von staatlicher wie zivilgesellschaftlicher Seite tatsächlich nur Einzelfälle? Woher stammt die verbreitete kolonialistische Prägung des Bewußtseins, wenn es doch gar keine kolonialen Interessen gab? Der Versuch einer Neubewertung der Rolle der Habsburgermonarchie im Kontext des europäischen Imperialismus scheint angebracht.

Zur Person:

Geb. 1951 in Wien (Österreich), Studium an den Universitäten Wien und Salzburg, 1975 Mag. Phil., 1979 Dr. phil.; 1975-81 Unterricht an verschiedenen Wiener Schulen, 1983-89 Leitender Redakteur der Monatszeitschrift „Entwicklungspolitische Nachrichten“ und Lektor am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien, dort 1991 habilitiert. Seit 1993 Vorsitzender und wiss. Leiter des Dokumentations- und Kooperationszentrums Südliches Afrika (SADOCC, www.sadocc.at); 2004 Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Wien mit Schwerpunkt Geschichte Afrikas, Kolonialismus/Dekolonisierung, Afrika-Rezeption in Österreich.

Publikationen: Der dressierte Arbeiter. Geschichte und Gegenwart der industriel­len Arbeitswelt (München 1984); Die Apartheid-Connection. Österreichs Bedeutung für Südafrika (Wien 1984); Grund-Herrschaft in Wien 1700-1848 (Wien 1993); Das afrikanische Wien. Ein Stadtführer zu Bieber, Malangatana & Soliman (Wien 1996); k. u. k. kolonial. Habsburgermonarchie und europäische Herrschaft in Afrika (Wien-Köln-Weimar 2002); Von Balthasar zu Omofuma. Zur Geschichte der afrikanischen Diaspora in Österreich 17.-20. Jahrhundert (2007); Wien – Windhoek retour. 150 Jahre Beziehungen zwischen Österreich und Namibia (2008) sowie zahlreiche Veröffentlichungen in Fachzeitschriften. In Vorbereitung: Das afrikanische Österreich, 2 Bde.

Forschungsschwerpunkt: Österreichisch-afrikanische Beziehungen, Afrikaklischees in Kunst und Literatur, Geschichte und aktuelle Entwicklungen im Südlichen Afrika.

Mag. Dr. Kurt Schmutzer

Große Erwartungen. Die österreichische Brasilienexpedition 1817 – 1835

Die österreichische Brasilienexpedition von 1817 war eine der bedeutendsten Sammelreisen, die von den Habsburgern in Auftrag gegeben wurden. Die Heirat der Kaisertochter Leopoldine mit dem in Brasilien lebenden Kronprinzen von Portugal, Dom Pedro, erwies sich als günstige Gelegenheit, die Sammlungen des kaiserlichen Naturalienkabinetts zu bereichern. Die Aufgabe, einen möglichst umfassenden Überblick über die damals noch wenig bekannte Flora und Fauna Brasiliens zu schaffen, übernahmen erfahrene Wissenschaftler, Sammler und Gärtner aus Wien und Prag. Für die Vorbereitung der Expedition lud man aber Berater mit internationaler Reputation wie Johann Friedrich Blumenbach und Kaspar Maria von Sternberg ein, sich mit Vorschlägen und Fragenkatalogen zu beteiligen. Im Zuge dieses Diskussionsprozesses entstand – wie bei vielen anderen Expeditionen – eine Dienstinstruktion. Der Beitrag beschäftigt sich mit der Frage, in welcher Weise die Instruktion als Lenkungsinstrument Einsichten in die Erwartungen und Absichten der Expedition erlaubt, denn die Instruktion legte nicht nur die Pflichten der Naturforscher fest und dokumentierte ihre Verantwortung gegenüber ihrem Auftraggeber, sie strukturierte auch ihre Arbeit und leitete ihren Blick auf ganz bestimmte Objekte und Fragestellungen. Die Suche nach nutzbaren Ressourcen (z.B. Pflanzen, Hölzer und Mineralien) spielte dabei eine ebenso wichtige Rolle wie Informationen zu Wirtschaft, Infrastruktur und „Landeskunde“. Die Naturforscher wurden damit für Interessen in die Pflicht genommen, die über ihre eigentliche Aufgabe als naturwissenschaftliche Sammler hinausgingen. Das gleichzeitige Bemühen des Wiener Hofes um die Anknüpfung von Handelsbeziehungen und den Abschluss eines vorteilhaften Handelsvertrags zeigt, dass die Entsendung einer wissenschaftlichen Expedition nur ein Aspekt in den neu geknüpften Beziehungen zwischen dem Kaisertum Österreich und dem Königreich Portugal-Brasilien war und in enger Verbindung mit politischen und ökonomischen Plänen stand.

Zur Person:

Geboren 1967. Studium Geschichte und Kunstgeschichte in Wien (1986 bis 1994).1992 Abschluss des Ausbildungskurses für historische Hilfswissenschaften am Institut für Österreichische Geschichtsforschung in Wien. Seit 1992 Archivredakteur (Researcher und Gestalter) im Fernseharchiv des Österreichischen Rundfunks. Ausgehend von einem Forschungsprojekt über die ethnographische Brasilien-Sammlung des österreichischen Zoologen Johann Natterer im Museum für Völkerkunde in Wien Beschäftigung mit der Geschichte der Naturwissenschaften im frühen 19. Jahrhundert, den Phänomenen Reisen und Sammeln im Kontext der Wissenschaftsgeschichte, Reiseberichten, sowie der brasilianischen Geschichte und ihren transatlantischen Bezügen, insbesondere zum deutschen Sprachraum. Promotion 2008 mit einer Arbeit über Johann Natterer und seine Sammelreisen in Brasilien von 1817 bis 1835.

Doz. Dr. Aleš Skřivan jr., Ph.D.

The Interests of Skoda Works Pilsen in China before First World War

Der Vortrag konzentriert sich auf die Frage des Waffenexports der Skodawerke nach China. Dazu wurden insbesondere Quellen zu dieser Frage im Pilsner Archiv der Skodawerke erforscht. In diesem Zusammenhang werden sowohl die Bedingungen dieses Exports als auch die Aktivitäten der Konkurrenten (Krupp, britische Firmen) beurteilt.

Zur Person:

He has been focusing primarily on the 20th – century history of the Far East, Czechoslovak foreign trade and arms production in inter-war Czechoslovakia. In 2004, he defended his thesis. In June 2009, the rector of Charles University appointed him an associate professor in the economic and social history discipline. In 2010, he became a recipient of the Award of the Rector of the University of Economics in Prague for a Prestigious Publication for his publication titled Czechoslovak Export to China, 1918-1992.

Mag. Dr. Johann Stockinger 

José Rizals Zwillingsseele: der Philippinenforscher Ferdinand Blumentritt (1853-1913)

Nur einmal war es ihnen im böhmischen Leitmeritz vergönnt, persönlich aufeinander zutreffen: der philippinische Arzt, Reformer und Nationalheld Dr. José Rizal (1861-1896) und der Realschullehrer und Philippinenforscher Prof. Ferdinand Blumentritt (1853-1913). Es entwickelte sich jedoch eine ganz außergewöhnliche Freundschaft, die sich über 10 Jahre erstrecken sollte und sich in 211 erhaltenen Briefen niederschlug.  Selbst einen Tag vor seiner Hinrichtung sandte Rizal noch einen Brief an seinen besten europäischen Freund.

Grundverschieden waren die beiden: der weltgewandte, meist einsame Asiate José Rizal und der Familienmensch Ferdinand Blumentritt, der kaum über seine engere Heimat hinaus gekommen war und für den schon  die Reise nach Wien etwas ganz Außergewöhnliches  bedeutete.  Beide lernten von einander und beeinflussten die Denkweise und Handlungen des anderen. Ihr Wirken beeinflusste den Lauf den philippinischen Geschichte.

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